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Das Jahr 2006 steht für uns im Zeichen der Sonne. IMG_2016_320Wurden wir schon während der Hopser nach Hopsten Rallye mit Sonne verwöhnt, so sattelte die diesjährige Rhöntour noch eins drauf. Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad an beiden Tagen schlängelten wir uns von Oberhausen in nahezu Luftlinie Richtung Hilders. 15 Motorräder nebst 19 Aufgesessenen in drei Gruppen ließen sichs gut ergehen.

Die Strecke selbst zog sich etwas hin, vor allem zwischen Oberhausen und Ennepetal waren doch recht viele Orte zu durchkreuzen. Aber dann wurde es nur noch richtig gut. Talsperren, Wälder, schattige Täler, Rothaargebirge mit dem Rhein-Weser-Turm, das obligatorische Amöneburg, Vogelsberg und die Rhön präsentierten sich im besten Licht. Die Straßen unterstrichen den wilden Charakter der Landschaft und glänzten ebenfalls mit Wurzelhöhenzügen und Frostaufbruchtälern. Dabei schnitten die Straßen in NRW meinem Empfinden nach schlechter ab als die IMG_2023_320Asphaltbänder in Hessen. Uns geht im Land der Kohle dieselbige offensichtlich aus. Aber hey, die fünf Kuhtreiber unter uns behaupteten, von derlei Unbilden nichts gespürt zu haben. Understatement? Angabe? Mangelnde Sensibilität? Na, da werden sich schon entsprechende Kommentare finden lassen. Ich für meinen Teil denke, meine Engländerin will mir mit einem Tritt in den IMG_2026_320Hintern nur signalisieren, nu mach schon, ich kann noch mehr vertragen.

Zu unterschiedlichen Zeiten losgefahren, fanden wir uns dennoch in kurzen Abständen immer an den jeweiligen Treffpunkten ein. Und dank der Navigationsgeräte fuhren alle so ziemlich die gleiche Strecke. Stephan drehte mit seiner Gruppe eine Ehrenrunde in Breckerfeld, weil die Ureinwohner eine Straße partout nur für Anlieger freigeben wollten. Die anderen nahmen das Anliegen ernst und erklärten sich zu Anliegern, denn am Ende des Sträßchens lag eine Gaststätte, deren Toiletten mit zum Hauptprogramm der Tour zählten.

Im Rothaargebirge konnten wir Flachländer dann endlichIMG_2031_320 mal eine Serpentine fahren. Das ist eine Kurve, die sich über 180 Grad erstreckt und dann noch die Überwindung eines Höhenunterschiedes von mehr als sieben Meter ermöglicht. Das schlägt alles, was am Niederrhein so gemeinhin als Bergstrecke durchgeht. Und das ist dann erst EINE Serpentine. Es folgten in munterer Reihenfolge weitere, bis wir alle schließlich zwischen 12:00 Uhr und 12:30 Uhr am Rhein-Weser-Turm eintrafen. Mahlzeit.

IMG_2033_320Überaus flinke und freundliche Bedienstete kümmerten sich rührend um uns und wiesen in gepflegtem Tonfall auf die Hausregel hin: Kein Pinkeln ohne Bestellung. Das Essen ging in Ordnung und für ein Highlight in der Mitte Deutschlands waren die Preise zivil und die Toiletten sauber. Die am Toilettenfenster fehlenden Griffe lieferten Zeugnis vom Wagemut manch eines früheren Gastes, der anscheinend den Weg durchs geöffnete Fenster Richtung nahe liegender Schonung dem Pfad durch Schankraum und vorbei am bärbeißigen Wirt vorzog..IMG_2070_320

Mit vollem Bauch und abgeklungenem Schock ob der so gehässig engen Kurven ging es dann furchtlos weiter zum nächsten planmäßigen Stopp in Amöneburg. Unterwegs streiften wir Marburg und deren Klinik, die sich schön im Wald versteckt und nur durch den hauseigenen Krematoriumskamin ihr Dasein dem Vorbeifahrenden offenbart. Ein Klinikareal mit eigenem Echtzeit-Parkleitsystem für Angestellte und Besucher und einer Zufahrtsstraße, auf der vier Rettungswagen im Renntempo nebeneinander die Kurven kratzen können, hat was, auch für Motorradfahrer. Unverständlich, dass hier mit Tempolimit gearbeitet wird. Da steckt bestimmt der IMG_2037_320Marburger Bund dahinter.

Nicht weit hinter Marburg öffnet sich das Ohmtal und der Blick fällt auf den Erdbuckel, auf dessen Spitze Amöneburg thront. Hat was von der Arche, die die zurückweichende Flut auf dem Berg Ararat abgelaicht hat. Mitten in Amöneburg liegt der Marktplatz mit diversen Cafes und Gaststätten, von denen wir uns dann eine, natürlich die vollste, als Absteige aussuchten. Genial die im Pflaster eingelassenen Touristeninformationen. Sie geben beredt Auskunft über die glorreiche Historie dieses Vogelnestes. Zum Beispiel den architektonisch reiz- und anIMG_2038_320spruchsvollen Grundriss des alten Rathauses in Originalgröße. Wir verharrten in stillem Gedenken vor diesem Zeugnis vergangener deutscher Baukunst.

Der Abstieg vom Berg über ein Sträßchen mit circa 98 Prozent Gefälle (hier drehten meine Gruppe und ich erstmal ein Ehrenründchen) Richtung Homberg hätte Evel Knievel angstverschwitzt kehrt machen lassen. Die dumpfen Schreie hinter unseren Visieren blieben nur dem eigenen Ohr vorbehalten. Eine Ausnahme dürfte hierbei Ralf Battige gewesen sein. Der hatte sich bei einem Tankstopp mit aus Rinderspalt und geschroteten Schweineknochen unter Hinzufügung von naturidentischen Aromastoffen gefertigten Kaubonbons eingedeckt. Diese etwa anderthalb Pfund Ballastmasse zwängte er sich konzentriert während IMG_2039_320der Fahrt in den Magen. Anschließend klagte er über einen aufgeblähten Wanst. Das Mitleid hielt sich bei allen in Grenzen.

Ein Naturphänomen begegnete unserer Gruppe auf der gesamten Tour des Öfteren. Dieses Naturschauspiel trägt den Namen Nissan Micra und kommt grundsätzlich dort vor, wo die Kurvendichte zu- und die Übersichtlichkeit der Straße abnimmt. Diese Landplage bewegt sich mit der Geschwindigkeit eines Harztropfens auf der Straße fort. Die Blechspielzeuge beIMG_2041_320herbergten Verkehrsteilnehmer, die sich wahrscheinlich bei der ersten Verkehrserziehung im Kindergarten schreiend am Stuhl klammerten, als die Kindergärtnerin feierlich verkündete, dass Schnecken nicht die schnellsten Landlebewesen sind. Hartnäckig ignorierten sie jede Gelegenheit, die Strecke durch einen beherzten Ausritt in die Botanik freizugeben. Das nächste Mal überhole ich diese Pappnasen.

Aber wir haben uns unsere Stinklaune nicht verderben lassen und steuerten verkniffen gen Hilders, wo IMG_2051_320wir dann zwischen 18:00 und 19:00 Uhr eintrafen. Der Biergarten am Hotel Hohmann lag einladend im Licht der Nachmittagssonne und es dauerte nicht lange, bis wir uns auf den Stühlen breit machten wie Schimmel auf acht Wochen altem Quark. Es zeigte sich, dass wir Mitfahrer unter uns hatten, die auch ohne übermäßigen Alkoholkonsum zu merkwürdigem Verhalten neigen. Charles Dickens hat seine Romanfiguren definitiv nicht in Schweden angesiedelt.IMG_2066_320

Die Stühle gaben wir nur widerwillig frei, als das Quecksilber abends von 27 auf 20 Grad stürzte und sich Raureif auf den Gläsern zu bilden begann. Da im Hotel die Heizung lief, gaben wir uns dann noch drinnen bis nach zwölf die Kanne und Peter der Bedienung Nachhilfe in westdeutscher Ostpolitik. Es ist nicht überliefert, ob Peter die Erwiderung der netten Dame mit Migrationshintergrund östlich der Elbe verstanden, geschweige denn behalten hat. Daher werden wir wohl nochmals nach Hilders fahren müssen, um auch die letzten Geheimnisse des innerdeutschen Zusammenlebens zu lüften.

Nach einem opulenten Frühstück am Sonntag Morgen ging es dann wieder heimwärts auf gleicher Strecke nur umgekehrt. Wir überprüften dabei, ob die Beobachtungen des Vortages korrekt waren und fühlten uns in allen Punkten bestätigt. Vor allem darin, dass alles Erlebte eine Wiederholung wert ist.

Bildergalerien Rhöntour 2006 und mehr:

 

Rhöntour 2006 Rainer

 

Rhöntour 2006 Rolf

 

Rhöntour 2006 Jürgen

 

Rhöntour 2006 Michael

 

Rhöntour im Garmin Datenbankformat

 

Rhöntour im GPS-Exchange-Format

 

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